Seele, Bewusstsein, das Unbewusste sowie Spiritualität gehören zu den Themenbereichen, die bis heute mehr Fragen als Antworten aufwerfen.
Die ersten Vorstellungen von Seelen als immateriellen Entitäten, die materielle Körper beleben, entstanden vermutlich bereits in der Urzeit. Sie halfen den Menschen, grundlegende Lebensfragen zu beantworten – warum Menschen leben, atmen, schlafen, träumen, krank werden oder sterben – und mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Allmählich bildeten sich erste spirituelle Konzepte heraus – Animatismus, Animismus, Magie, Fetischismus, Totemismus und Schamanismus –, in denen übernatürliche Kräfte, Seelen und Geister eine wichtige Rolle spielen.1,2
Animistische und animatistische Vorstellungen, wonach sich diese Entitäten überall in der belebten und unbelebten Natur, in von Menschen geschaffenen Gegenständen sowie in Himmelskörpern befinden, kommen in den genannten Systemen in unterschiedlichen Formen zum Ausdruck. So entstanden reichhaltige kulturelle Traditionen, die auch unser heutiges Weltverständnis prägen.3,4,5 Diese Konzepte stehen seit der Frühgeschichte der Menschheit in enger Verbindung mit dem künstlerischen Schaffen – von den Höhlenmalereien bis hin zur zeitgenössischen Kunst.
Mit dem Beginn der Antike setzten sich Denker systematischer mit dieser Thematik auseinander. Im antiken Griechenland widmeten sich mehrere Philosophen dem Begriff der Seele, der als „Psyche“ bezeichnet wurde – darunter Sokrates,6,7 Platon,8,9 Aristoteles10,11 und später Plotin.12
Im Mittelalter entwickelte sich das Konzept der Seele zu einem zentralen Bestandteil der christlichen Lehre, nach der die Seelen unsterblich sind und nach dem Tod des materiellen Körpers ewig im Himmel, in der Hölle oder im Fegefeuer weiterleben.13 In der Kunst erschien häufig das Motiv des Jüngsten Gerichts, das einen moralisierenden Charakter hatte. In der Renaissance kam es auch im Verständnis der Seele zu einer Rückkehr zu den antiken Idealen, die die Denker der Renaissance mit einem humanistischen Weltbild verbanden.14
Später befassten sich unter anderem René Descartes,15 Immanuel Kant,16 Friedrich Schelling,17 Georg Wilhelm Friedrich Hegel18,19 und Friedrich Nietzsche20,21 mit der weiteren Erforschung dieser Problematik.
Im Jahr 1871 veröffentlichte Sir Edward Burnett Tylor, der als Vater der Anthropologie gilt, das Buch Primitive Culture, in dem er seine Theorie des Animismus darlegte.22 Das Werk hatte nicht nur einen grundlegenden Einfluss auf die Anthropologie und die Religionswissenschaft, sondern trug auch zu einem wachsenden Interesse an den Kulturen indigener und außereuropäischer Gemeinschaften bei. Es entstand zudem die als Primitivismus bezeichnete Kunstrichtung, die insbesondere durch Paul Gauguin, Pablo Picasso und die deutschen Expressionisten popularisiert wurde.23,24,25,26
Mit der Entwicklung der modernen Wissenschaft erweiterte sich der Kreis der Disziplinen, die sich mit dieser Thematik befassen, und der Begriff „Seele“ wurde in einigen wissenschaftlichen Disziplinen nach und nach durch die Begriffe „Bewusstsein“ und „das Unbewusste“ ersetzt. Für Künstler ist vor allem das Unbewusste faszinierend, dessen Erforschung insbesondere mit Sigmund Freud und Carl Gustav Jung verbunden ist.27 Die Kunst ist mit dem Unbewussten eng verbunden: Künstler tauchen während des schöpferischen Prozesses in dieses ein, Betrachter hingegen bei der Wahrnehmung der Werke.28 Im Jahr 1917 zeigten sich die ersten Anzeichen des Surrealismus, in dem unbewusste Einflüsse eine Schlüsselrolle spielen.29
Als Inspiration für den Titel und zugleich für das Thema dieser Artikelreihe dienten der Aufsatz Symbolismus in der bildenden Kunst von Aniela Jaffé,30 der das Unterkapitel Die geheime Seele der Dinge enthält, sowie das autobiografische Buch Das geheime Leben von Salvador Dalí (ein Auszug daraus wurde in dem Buch Dalí von Cesáreo Rodríguez-Aguilera veröffentlicht).31 Diese beiden Texte verbinden Kunst, Animismus, Seelen, Symbolismus, Surrealismus und das Unbewusste miteinander, weshalb mir die Kombination ihrer Titel besonders passend erschien.
Der Titel ist zugleich metaphorisch: „Dinge“ werden in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedlich wahrgenommen; in manchen Kulturen gelten sie als lebendig, in anderen wiederum werden Lebewesen als Dinge betrachtet. Der Begriff verbindet außerdem spirituelle Vorstellungen, die auch leblosen Objekten eine Seele zuschreiben, mit der surrealistischen Bewegung, deren Vertreter mit Fundstücken arbeiteten. Ein Ding kann auch ein Gefäß für die Seele sein oder – wenn wir es als Materie verstehen – deren Gegenteil. Zu den Objekten zählen jedoch auch materielle Kunstwerke, von denen man sagt, dass Künstler ihre Seele in sie legen.
Diese Artikelreihe soll sich nicht auf die bloße Vermittlung von Fakten beschränken. Gemeinsam werden wir nach Antworten auf Fragen zum Wesen des Menschen suchen, scheinbar Unverbundenes miteinander verknüpfen, Kunst aus verschiedenen Epochen und Teilen der Welt entdecken und sie aus ungewöhnlichen Blickwinkeln betrachten. Wenn ihr euch mit mir auf diese Entdeckungsreise begeben möchtet, seid schon nächsten Montag dabei …
Zum Abschluss habe ich noch ein kleines Rätsel für euch: Könnt ihr herausfinden, zu welcher Serie das Titelbild gehört und mit welcher Technik es geschaffen wurde?
Literaturverzeichnis:
1. POPPER, K., The Logic of Scientific Discovery, 1959. In: RUISEL, I., Psychológia vedy a vedeckého myslenia, 2016, S. 41.
2. VARGA, R., K problematike riešenia vzťahov človeka k prírode v historickej reflexii, 2013, S. 259.
3. TYLOR, E. B., Primitive Culture, 1888, S. 285.
4. FRAZER, J. G., The Golden Bough, 1894.
5. POPPER, K., The Logic of Scientific Discovery, 1959. In: RUISEL, I., Psychológia vedy a vedeckého myslenia, 2016, S. 41.
6. Dějiny filosofie I: Sókratés. [online]. [Zugriff am 18. Dezember 2024]. Verfügbar unter: https://is.muni.cz/do/rect/el/estud/ff/ps14/phil/web/tisk8.html
7. NECHUTOVÁ, J., Konsolace od antiky do středověku, 1991, S. 122.
8. AMBROZY, M., Niekoľko separovaných prepojení teológie a filozofie, 2016, S. 138.
9. STANČEK, Ľ., Čnosti, 2005, S. 16.
10. ROJKA, Ľ., Ľudská duša a zážitky blízkej smrti, 2015, S. 6.
11. JAKUBOVSKÁ, V., KOVALCHUK, N., Telo a duša, 2017, S. 8.
12. KARUL, R., Zvieracia a ľudská duša, čítanie Plotina, 2013, S. 91.
13. JAKUBOVSKÁ, V., KOVALCHUK, N., Telo a duša, 2017, S. 8.
14. Ebd., S. 8.
15. FRIDMANOVÁ, M., Alice Kliková: Mimo princip identity, 2008, S. 116.
16. JAKUBOVSKÁ, V., KOVALCHUK, N., Telo a duša, 2017, S. 11.
17. DÉMUTH, A., Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Filozofia umenia, 2008.
18. TOBIÁŠ, F., Hegel o dialektike živej prírody, 1977, S. 666.
19. YOVEL, Y., Mladý Hegel a duch judaizmu, 2012.
20. NIETZSCHE, F., O živote a umění, 1995.
21. NIETZSCHE, F., Soumrak model, 1995.
22. TYLOR, E. B., Primitive Culture, 1888.
23. MAURÉRY, M., Štočky Paula Gauguina z Tahiti, 2021. [online]. [Zugriff am 9. Mai 2025]. Verfügbar unter: https://www.webumenia.sk/clanok/paul-gauguin-tahiti-stocky
24. MODIANO, L., How Much Does Picasso Owe to African Art?, 2024. [online]. [Zugriff am 18. Dezember 2024]. Verfügbar unter: https://www.thecollector.com/picasso-and-african-art/
25. FITE-WASSILAK, CH., Objects That Speak for Themselves, 2018. [online]. [Zugriff am 18. Januar 2025]. Verfügbar unter: https://www.tate.org.uk/tate-etc/issue-42-spring-2018/chris-fite-wassilak-objects-speak-themselves
26. MURRELL, D., African Influences in Modern Art, 2008. [online]. [Zugriff am 9. Mai 2025]. Verfügbar unter: https://www.metmuseum.org/essays/african-influences-in-modern-art
27. PAUER, J., Je ešte možný spoločný svet?, 2003, S. 95.
28. WINN, S., What Happens to Us When Art Connects to the Unconscious, 2007. [online]. [Zugriff am 22. Mai 2025]. Verfügbar unter: https://www.sfgate.com/entertainment/article/What-happens-to-us-when-art-connects-to-the-2591269.php
29. STANKOVIANSKA, P., Surrealizmus na Slovensku, 2023. [online]. [Zugriff am 6. Mai 2025]. Verfügbar unter: https://www.webumenia.sk/cs/kolekcia/306
30. JAFFÉ, A., Symbolism in the Visual Arts, 1964.
31. RODRÍGUEZ-AGUILERA, C., Salvador Dalí, 1991.
Die vollständigen bibliografischen Angaben zu den verwendeten Quellen finden Sie hier.